Der Traum vom Kind

Eine Solinger Mutter erzählt, wie es ist, wenn sich der Kinderwunsch
zunächst nicht erfüllt. Und wie es sich anfühlt, wenn es nach einer Hormonbehandlung
dann doch passiert.

Meine Freundinnen hatten bereits die ersten Kinder, selbst meine Schwester war schwanger. Und mir
war das Glück nicht vergönnt“, erzählt Bettina Kirsten (Name von der Redaktion geändert) aus Solingen. Heute ist sie glückliche Mutter von Zwillingen. Doch der Weg dorthin war ein sehr steiniger. „Jedes Mal ist mir fast das Herz gebrochen, wenn ich eine Mutter mit Kinderwagen sah. Ich wollte es so sehr“, berichtet sie. Kleine Füße küssen, ein Bündel Mensch auf dem Bauch spüren. Diese Gedanken begleiteten sie fast täglich. Doch ihr Kinderwunsch erfüllte sich nicht. Am Anfang dachte sie sich noch nicht viel dabei. Bei manchen braucht es halt ein wenig länger, sagte ihr der Frauenarzt. „Trotzdem zerbrach jedes Mal etwas in mir, wenn ich dann wieder meine Periode
bekam.“ Und dann ging es los mit dem Stress, den sie sich selber machte – nach dem Motto: Das muss doch klappen! Also Kalender führen, Ovulationtest machen, Sex haben nach Terminkalender. „Das hat unsere Beziehung auf eine harte Probe gestellt“, gibt Bettina Kirsten zu. Ihr sehnlicher Wunsch nach eigenen Kindern ließ sie ungerecht werden gegenüber ihrem Partner. Er treibe einfach zu viel Radsport und solle doch mal lieber nicht so heiß baden, hielt sie ihm vor. „Es war sicher oft der Horror für ihn“, gibt sie heute zu. Sie selbst zog alle Register: Temperatur messen jeden Morgen, alles aufschreiben, den eigenen Körper ganz genau beobachten. Jede zweite Woche war sie gefühlt schwanger. Die Brüste spannten, es zog im Unterleib, Heißhungerattacken wechselt
sich mit Übelkeit ab. Aber: Der zweite blaue Strich auf dem Schwangerschaftstest blieb jedes Mal aus, wenn sie es
genau wissen wollte. Aber einer ist keiner, der könnte ja auch einen Defekt haben, dachte sie sich. Also den nächsten Test probiert und noch einen. Aber alle zeigten dasselbe Ergebnis: nicht schwanger. Das war jedes Mal hart: „Ich habe viel geweint in der Zeit. Immer zwischen bangen und hoffen zu stehen, das macht einen fertig.“
Bettina Kirsten und ihr Partner gingen auf Spurensuche. Schnell stellte sich heraus: Bei ihrem Freund war alles in Ordnung. Erleichterung zumindest bei ihm. Also konzentrierten sich die Untersuchungen fortan auf Bettina Kirsten. Von der Blutabnahme bis zur Bauchspiegelung. Die Diagnostik zog sich über Monate hin. Ernüchternde Erkenntnis: Ihr AMH-Wert sei schlecht. Dieser bestimmt die Höhe des sogenannten Anti-Müller-Hormons im Körper und gilt als Marker für die Fruchtbarkeit. „Als ich im Internet hierzu recherchierte, bekam ich fast eine Panikattacke. Das las
sich so, als komme ich schon bald in die Wechseljahre – dabei bin ich erst 26 Jahre alt! Ich dachte: Was, wenn ich gar nicht mehr schwanger werden kann?“ Diese Ängste setzten die Solingerin noch mehr unter Druck. Zum Glück stand ihr Arzt ihr immer zur Seite. „Er hat mir in dieser Zeit sehr geholfen, er war immer positiv und sagte: Wir kriegen sie schon schwanger. Ich war noch nie so oft beim Frauenarzt wie in diesen drei Jahren“, erzählt Bettina
Kirsten rückblickend. Schließlich begann sie eine Hormontherapie. Was das bedeutet? Sie musste immer
nach Ihrer Periode Tabletten einnehmen. Mittels Spritzen wurde dann ein Eisprung ausgelöst. Eine hohe Belastung für den Körper, aber auch für den Geldbeutel, denn die Krankenkasse zahlte diese Maßnahme nicht: 700 Euro ließ sich Bettina Kirsten den Traum vom Kind fortan jeden Monat kosten. Und jede Menge Nerven – denn bedingt
durch die verabreichten Hormone wurde sie leicht reizbar und aggressiv. Ganz wichtig während der Behandlung:
Eine engmaschige Kontrolle durch ihren Arzt. Er beurteilte regelmäßig den Erfolg der Hormonbehandlung und gab Ratschläge. Auch dazu, wie und wann sie und ihr Partner Geschlechtsverkehr nach dem Eisprung haben sollten. Und irgendwann war sie wieder da, die Hoffnung: „Am fünften Tag hatte ich einen stechenden Schmerz im
Unterleib. Ich war sicher, dass da etwas im Gange war.“ Und wirklich: Am siebten Tag abends machte sie einen erneuten Schwangerschaftstest – und da war er zu sehen, dieser ganz zarte Strich. Den sah nur sie. Ihr Freund jedoch nicht. Also testete sie gleich mehrfach, jeden Tag, bis auch ihr Partner den mittlerweile tiefblauen Strich
erkannte. „Ich konnte es nicht glauben, dass ich wirklich schwanger bin. Ich war fertig mit der Welt. Wir sind genau drei Jahre nach dem allerersten Versuch schwanger geworden.“ Der Arzt bestätigte es dann auch. Und wie: Ja, sie sei schwanger und sogar mit Zwillingen. Das war dann doch erst mal ein Schock. Dass es bei einer  Hormontherapie durchaus nicht unwahrscheinlich ist, dass es, wenn es klappt, dann gleich einen Doppelpack
geben könnte, wusste sie – dass es wirklich so kommen würde, hatte sie aber nicht gedacht. Die Freude war letztlich riesig, fast ebenso groß war aber ihre Sorge, ob denn die Schwangerschaft auch gut verlaufe. Bis zum Tag der Geburt. Bis zu dem Moment, da sie endlich ihre Zwillinge in den Armen hielt. Wie weit wäre Bettina
Kirsten gegangen, wenn die Hormontherapie nicht angeschlagen hätte? „Ich hätte so ziemlich alles getan“, antwortet sie.

Ein Artikel aus dem Quatschkopf, Ausgabe 5.
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